it's 4 families

Fortsetzungs-Roman > Teil 1

Miriam Wesch über ihr Buch:

Schwangerschafts-RomanEs handelt von der Zeit, als ich mit meinem Sohn schwanger war, verbunden mit seinem ersten Lebensjahr und unseren ganz persönlichen Erfahrungen in dieser "neuen" Welt.


Miriam Wesch ist 25 Jahre alt und wohnt mit ihrem Mann und ihrem 2-jährigen Sohn in Wehr nahe der Schweizer Grenze. Von Beruf ist sie Erzieherin und seit der Geburt ihres Kindes als Hausfrau tätig.

schwanger-online.de durfte ihr Buch an dieser Stelle veröffentlichen und stellte Monat für Monat die aktuellen Texte ins Netz.

E-Mail an Miriam Wesch.



(An alle zukünftigen Schriftsteller: Auch eure Schwangerschafts-Anekdoten nehmen wir gerne auf. Schreibt uns einfach!)



Miriam Wesch - Noah

(Teil 1 - Die Übungsphase)


„Also, schwanger sind sie definitiv nicht. Um ihre Eierstöcke haben sich Zysten gebildet. Das passiert, wenn man mal gestresst ist. Die neue Pille haben sie auch schlecht vertragen. Viele Studentinnen kommen vor der Prüfung zu mir und sagen: Ich warte schon ewig auf meine Tage. Bin ich schwanger? Und wenn der ganz Trubel vorbei ist, ist die Periode auch wieder da. Kein Grund zur Beunruhigung.“

Seit 6 Wochen ohne Tante Rosa und mein Arzt stellte Zysten fest. Stressbedingt! Was sollte ich für Stress haben? Endlich die Ausbildung zur Erzieherin fertig, einen guten Arbeitsplatz,
im Sommer geheiratet und eine Wohnung im 11. Stock eines Hochhauses. Ich war der Glückspilz von Südbaden! Und ich bin Berlinerin!
Enttäuscht und frustriert lief ich durch die herbstlichen Straßen nach Hause (es hätte ja auch ein freudiges Ereignis sein können) und versuchte mich zu entstressen.

Mein Kinderwunsch war schon immer groß und jetzt, da ich auch noch den perfekten Mann dazu gefunden hatte, wünschte ich mir nichts sehnlicher.
Ich war also selbst mein Problem, nicht die Arbeit, nicht die Hochzeit oder die Wohnung im Freiburger Ghetto Weingarten.
Ich war mal wieder zu ungeduldig.

Christof machte das alles weniger aus. Er verbot mir schon die Hochzeitsnacht ohne Verhütung, mit der Begründung, dass bald die große Inspektion am BMW kam. Kostet 500€.
Mir war schnell klar, dass da mehr dahinter steckte. Ich drängelte, er wollte nicht.
Das musste ich akzeptieren, zumal ich wusste, dass ich mal wieder alles über`s Knie brechen wollte. Das war Christofs Spruch.

O.K. Das war mein persönlicher Stress und er brachte mir Zysten und schlaflose Nächte ein.
Ich wollte es mir und ihm nicht mehr antun, schließlich sollte der Gedanke an ein gemeinsames Kind fröhlich stimmen und keinen Katastrophenalarm auslösen.

Die nächste Woche verbrachte ich damit, cool zu sein. Christof und ich gingen viel weg, in die Sauna, in Kneipen und die neue Arbeitsstelle füllte mich voll aus. Ich fühlte mich bis auf ein paar Erkältungen, die mir die Kinder beim Mensch-ärger-dich-nicht über das Spielfeld entgegen niesten, richtig gut.

Um die Feiertage bekamen wir viel Besuch und reisten selbst durch die Gegend.
Sylvester wurde zum hemmungslosen Besäufnis in einer einsamen Hütte oben auf einem Berg namens Stockmatt mit vielen alten und neuen Bekannten. Christof hatte Nachtdienst. Das vierte Neujahrsfest ohne ihn in unserer 5-jährigen Beziehung.

Und wie ich da so schwankend im Schnee stand, in der einen Hand ein Glas Sekt, in der anderen eine poplige Wunderkerze, weil jeder vom anderen gedacht hatte, er würde die Feuerwerkskörper mitbringen (weil jeder wieder mal nur an`s Fressen und Saufen gedacht hatte), da fiel mir wieder mein Wunsch ein.
Ich dachte daran, wie mein Vater mir beibrachte, dass ich meine innigsten Wünsche für das nächste Jahr auf eine Rakete schreiben sollte, um sie dann hochzujagen.
Dann würde alles in Erfüllung gehen.
Als Teenie hatte ich mir eine Harley, ein Haus in Argentinien, eine Ratte und einen Mann, der Heavy Metal hört, gewünscht. Meine geliebte Ratte starb an Lungenkrebs, den passenden Mann habe ich bekommen, jetzt wollte ich das Heavy-Metal-Baby, obwohl ich bezweifelte, dass eine Wunderkerze denselben Effekt besaß wie eine Rakete. Immer noch besser als ein Tischfeuerwerk, aus dem eine lange Kackwurst rauskommt, wenn man es anzündet.
Keine gute Kombination: Wunsch-Wurst.

Am nächsten Morgen wurde ich unsanft und viel zu früh von den jammernden Jazztönen aus Robbie-Williams neuster Platte geweckt. Und alle frustrierten Frauen, deren Männer sie auf die Hütte verfrachtet hatten, um in der Stadt allein zu feiern, sangen dazu mit. Für`s Aufräumen war dann aber die Puste leider zu knapp.

Als diese Ferien zu Ende gingen, wollte ich nicht zurück in den Alltag. Ich wollte weiter feiern, mich um nichts kümmern, bei meiner Freundin bleiben, die ich so selten sah, seit sie in meiner Heimatstadt Berlin wohnte.

Ich saß bei Anja auf dem Holzfußboden, es war dunkel, mein Winterpulli kniff und juckte fürchterlich und Christof würde mich bald abholen.
Ich verwünschte mein super geplantes Leben mit festen Regeln und Prinzipien, die ich mir gesetzt hatte und die ich brav einhielt.
Und gleichzeitig wusste ich: Wenn ich die Chance erhielte, alles zu ändern und aus diesem Kreislauf auszubrechen, würde ich sofort wieder versuchen, in mein geregeltes Leben einzusteigen. Ich war nicht dafür geschaffen, nicht zu wissen, was morgen geschieht oder wo ich das Geld dafür herbekam.
Ich war die einzige in meinem Freundeskreis, die nicht studierte, mit Mamis und Papis Geld in andere Länder flog und erst um 10 Uhr morgens aufstand.
Deshalb war ich immer müde und selten am Meer anzutreffen.

Neid stieg in mir hoch. Ich wollte auch so cool und locker sein und nur ich war die jenige, die mich davon abhielt. Na gut, und das dünne Sparbuch meiner Eltern.
Meine Freundin rauchte eine Zigarette und erzählte mir von ihrem kommenden Auslandsstudium in Barcelona. Den ganzen Winter nicht kälter als 10-15°C, hübsche Spanier, die ständig um das blonde Mädchen aus Deutschland wie die Motten um das Licht schwirrten, ab und zu ein wenig arbeiten, ab und zu eine nette Party.
Für mich hörte sich das an wie der Garten Eden.

Ich wollte nicht denselben Trott am neuen Jahr.
Aber wie jeder andere kam ich Montagmorgens nicht drum herum.

Ich musste mir was einfallen lassen. Mal husch-husch ein Studium beginnen war für mich zu kostspielig und nach meiner 4-jährigen Ausbildung hatte ich keine Nerven mehr für Bücher, außerdem machte es mir Spaß endlich das gelernte anwenden zu können.
Und ach ja: Ich nix Abitur!
Es musste Action her, aber realisierbare Action.

Und dieses Jahr fing nicht gut an.
Christof bekam eine schwere Allergie. Ausschläge am ganzen Körper, keinerlei Geruchssinn mehr, extreme Asthmaanfälle mitten in der Nacht. Es wurde jeden Tag schlimmer und es tat weh, meinen sonst so fitten und aktiven Hektiker so leiden zu sehen.
„Ich muss `ne Tour machen, sonst werde ich verrückt!“, sagte er mit qualvollem Gesicht, das mich zur wilden Raserei trieb (diesen Gesichtsausdruck erbte zu meinem Leidwesen auch unser Sohn). Nun lief er höchstens eine Stunde und schlief danach zwei.

Die Katze musste weg. Miezle war ein wilder Siammischling voller Aggression. Sie biss und kratzte uns blutig und sie fing fette Käfer auf dem Balkon, um sie vor dem Fernseher auf dem Teppich langsam zu Tode zu erdrücken und dann knirschend zu verspeisen. Katzenpopkorn.
Wir liebten dieses Monster.
Eine alte Dame interessierte sich für unser Miezle. Jetzt, da ihr Mann verstorben war, wollte sie sich wieder um jemanden kümmern, sagte sie liebevoll am Telefon. Also packten wir heulend Katze, Katzenklo und Kratzbaum ins Auto und brachten sie ins Seniorenwohnheim.
Miezle schrie die ganze Zeit.
Am nächsten Tag rief die alte Dame wieder an. Wir sollten die Katze wieder abholen. Sie sei ihr die ganze Nacht vom Schrank aus auf den Bauch gesprungen, hätte laut dazu miaut und an den Wänden gekratzt.
Wieder abgeholt, wieder geheult bei der nächsten älteren Dame, die Miezle sofort ins Gesicht kratzte. Doch die ließ sich nicht beirren, quiekte ständig: “Mein Schätzchen, mein Liebling!“ und Miezle ward nie mehr gesehen.
Wir riefen bei ihrer neuen Familie so oft an, dass wir schon langsam lästig wurden. Jetzt hatte sie einen Katerfreund.

Und prompt blieben meine Tage wieder aus. Dieselben Unterleibsschmerzen wie im Herbst. Ich ging zum Arzt und dachte: “Jetzt hast du mal einen Grund, Stresszysten zu haben.“
Aber ich war gesund und nicht schwanger.
Ich war erleichtert. Es reichte ein kranker Hase in unserer Wohnung.

Gut fühlte ich mich dennoch nicht.
Ich schwitzte im Januar, hatte ständig Durst und mir war öfter schlecht. Mal wieder eine Magen-Darm-Grippe vom Kindergarten oder chronische Unlust?
Wir gingen mit einem Freund von Christof in einen Hallenflohmarkt. Mir war so übel, ständig dachte ich, ich müsste mich auf den alten Ramschsachen übergeben, meine sonst so große Kauflust auf Flohmärkten war dahin.

Am Ende kaufte ich mir ein Teelicht in sehr abstrakter Form eines Stierkopfes und erkannte zu Hause, dass es eine Frau mit großen Brüsten war. Fragt mich nicht, wie ich das verwechseln konnte.

Meine Tage hatten nun 2 Wochen Verspätung.
Zugegeben: Christof und ich waren in letzter Zeit eher etwas unvorsichtig gewesen.
Vor Weihnachten hatte wir beschlossen die Pille wegzulassen und waren natürlich nicht blöd.

Wir lagen im Bett und wussten, dass es ernst werden kann.
„Der Arzt hat ja gesagt, dass es wegen der langen Pilleneinnahme eh nicht gleich funktioniert.“
„Genau“, meinte Christof. „Und dann kommt`s ja auch erst in 9 Monaten.“
„Genau“; sagte ich. „Und wir haben beide eine gute Ausbildung, wir verdienen gut und wir verstehen uns gut.“
„Perfekte Voraussetzungen.“
„Richtig“, meinte ich und zwischendrin versuchten wir uns zu küssen und uns verrückt nacheinander zu machen.
Nach dem Gespräch über Sex ohne Verhütung und seine Folgen war die heiße Leidenschaft allerdings durch weltliche Tatsachen gewichen.

Trotzdem war ich froh, dass uns dieses Thema endlich über die Lippen kam, denn nun merkte ich, dass wir in dieser Hinsicht ein und denselben Weg gingen.
Beide mit Furcht, die, wie sich nach 9 Monaten herausstellte, auch teilweise berechtigt war.

Und trotzdem stand bei uns nun üben, üben, üben auf der Tagesordnung.

Aber der Arzt und der Schwangerschaftstest bestätigten, dass ich nicht schwanger war und von 2 Wochen Üben konnte wohl kaum etwas zustande gekommen sein, auch wenn man an Christofs 3 Geschwistern und daraus entstandenen 6 Enkelkindern erkennen konnte, dass es nicht ganz unmöglich war.
Nach 20 Tagen Überfälligkeit kaufte ich mir erneut einen Test.

Ich war genervt. Die Tests waren durch den Euro in den ersten 2 Januarwochen einfach mal um das doppelte teurer geworden. Konnte man jetzt über eine vergoldete Spitze pinkeln oder wurde einem das Ergebnis in Versform vorgetragen? Wohl kaum, einfach nur teurer.
Und so dachte ich mir: Wieder mal Geld zum Fenster hinausgeworfen, legte das kleine Stäbchen zur Seite und putzte mir die Zähne. Sonst saß ich immer die 3 Minuten davor und starrte darauf, in der Hoffnung, ich könne so ein positives Ergebnis erzwingen.

2 Striche. Da waren 2 verdammte Striche zu erkennen.

Ausgerechnet jetzt, da ich in letzter Zeit jedes Wochenende nur ans Feiern und Saufen gedacht, mich ständig im Sport verausgabt hatte und total egoistisch durch die Welt lief, ohne daran zu denken, ob es gut oder gesund ist, was ich tue, war ich schwanger.
Ein schlechtes Gewissen überkam mich. Ich hatte in der ersten Schwangerschaftszeit geraucht und getrunken.

Jeder Rausch hingegen war im Vergleich zu diesem Gefühl, das ich nun verspürte, absolut wertlos.
Mit hochrotem Kopf öffnete ich die Badezimmertür. „Christof, ich bin schwanger.“ sagte ich heiser. Er saß vor dem Fernseher und lächelte mich an: “Haja, wir haben es ja auch drauf angelegt.“ Christof war noch nie jemand, der die richtigen Worte zum richtigen Zeitpunkt fand.
Ich setzte mich zu ihm und wir schauten weiter eng umschlungen Fernsehen. Keiner von uns sagte ein Wort. Nach außen hin ein vollkommen unspektakulärer Moment, denn jeder brauchte Zeit, um sich seine Gedanken zu machen.

Einige Zeit später redeten wir noch mal über diesen Tag, an dem keiner vor Freude schrie und weinte, Verwandte und Bekannte anrief oder eine große Feier veranstaltete.
Dieses Ereignis war zu unglaublich, zu schwer zu realisieren. Es war noch nichts zu sehen, es war so oft in unseren Köpfen und doch so weit entfernt.
Und jetzt war es allgegenwärtig.
Unser Baby.

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