it's 4 families

Fortsetzungs-Roman > Teil 5

Vor ungefähr 5 Jahren lernte ich Christof auf dem Rottenburger Neckarfest kennen.
Er stand vor mir mit langen Haaren und einer Bundeswehrhose und ich hatte meine Freunde in dem Getümmel verloren, was mir bei diesem Anblick vollkommen egal war.
Wir liefen herum, suchten meine Freunde, bis es 6 Uhr morgens war und wir nach einem langen Gespräch beschlossen, nach Hause zu trampen. Als er aus dem Auto ausstieg und die Sonne hinter ihm aufging, wusste ich, den ruf ich noch mal an.
Ich musste mir seine Handynummer im Gedächtnis behalten, weil ich kein Handy oder gar einen Zettel dabei hatte. Und ich habe sie mir gemerkt.
Schmalzig, aber so war es.
Wer hätte gedacht, dass aus dem Heavy und der Rattenfreundin mal brave Eltern werden.

Seltsam. Man denkt doch immer wieder gerne an die Vergangenheit zurück. Alles sieht dann so rosig aus. Keine Verantwortung, in den Tag hinein leben, jeden Tag neue Bekanntschaften machen, Party.
Man erinnert sich nur an die schönen Dinge, wenn einem manchmal das Hier und Jetzt nicht besonders gefällt.
Ich weiß noch, wie sehr ich für einen Ausbildungsplatz gekämpft habe. Dann eine Arbeitsstelle, um das Zimmer zu finanzieren.
Ich stand um 6 Uhr morgens auf, ging zur Schule oder in den Kindergarten, kam so gegen 15 Uhr wieder nach hause, schlief, aß und lernte, damit ich von 17 bis 2 Uhr nachts wieder arbeiten gehen konnte. Und morgens um 6 Uhr wieder in die Schule...
Ich war ständig müde und rechnete mein Geld bis zum Ende des Monats genau aus, um keine Schulden zu machen.
Und wenn dann Christof mit seinem ollen Kadett ankam, um mich von all dem abzulenken, mit mir zum Baggersee fuhr und wir nachts beim Lagerfeuer Sex, drugs and rock `n roll genossen, war ich der glücklichste Mensch auf Erden.

Diese Erinnerungen können nicht genommen werden.
Und wenn ich mir irgendwann einmal von meinem Sohn anhören muss, wie spießig und langweilig ich doch bin, werde ich daran denken und grinsen und ihm wegen seiner Frechheiten die Party seines Lebens verbieten, auf die er dann natürlich heimlich gehen wird.
Und es schließt sich der ewige Kreis…

Und wenn ich mich heute traurig und allein fühle, schnappe ich mein Söhnchen und mache eine Waldtour mit ihm, gehe ein Eis essen oder schaue ihm beim Spielen zu. Und dann weiß ich, wo ich hingehöre und die 17- jährige Mina grinst mir vor meinem inneren Auge zufrieden zu. Wahrscheinlich würde sie die Blümchenkleider bemängeln, die ich gerne trage, aber ansonsten…

Während der Schwangerschaft gab es also ständig aufregende, freudige und schockierende Ereignisse. Vielleicht kam es mir auch nur so vor.
Für mich war die neuste Olivenölcreme aus der Apotheke (ich roch wie eine junge Göttin) genauso aufregend wie 2 Kilogramm Kirschen, die Christof jeden zweiten Tag vom Bauern holen musste.
Das Leben und der Alltag gingen weiter und interessierten sich nicht wirklich für eine Schwangere, die ihr erstes Kind bekam. Manchmal war ich fast enttäuscht darüber. Ich wollte jemanden an meiner Freude teilhaben lassen. Aber da ich mit 22 Jahren zu den jungen Müttern gehörte, hatte ich meist nur Menschen um mich herum, die sich zwar mit mir freuten, aber diesen Zustand auf sich bezogen als absolute Katastrophe empfanden und lieber das Leben genießen wollten.
Ich verstehe bis heute nicht, weshalb man das angeblich mit einem Kind nicht kann.

Es blieben mir also nur die, die bereits ein Kind hatten und den Zauber an dieser Situation vor lauter Stress schon langsam vergaßen.
Ich hörte ständig: Genießt noch die Zeit zu zweit, solange es geht. War das eigentlich gewollt? Du bist noch so jung! Ja, wenn sie klein sind, sind sie noch lieb, aber dann…

Ein Kind war also nur dann lieb und erwünscht, wenn es noch keinen eigenen Willen hatte und sich vom Schoß der Mutter nicht eigenständig hinunter bewegen konnte.
Ich sah Müttern zu, die nach zehnmaligem Rufen ein gequältes: “Toll, Schatz.“ ihren Kindern zuriefen und dabei nicht einmal hinsahen, zu was sie sich überhaupt geäußert hatten.
So behandelt man auch keinen Erwachsenen.
Und dann bekam ich es mit der Angst zutun. Waren es nur meine Hormone, die mich so glücklich machten? Würde ich auch bald zu den Genervten gehören, die sich jeden Abend freuen, weil ihr Kind endlich schläft und heimlich denken: „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich niemals die Pille wegelassen.“

Ich sah natürlich gleich wieder die mieseste Zukunft vor mir ablaufen. In meiner Schwangerschaft schien es nur schwarz oder weiß zu geben:
Weil ich seit der Schwangerschaft zu einer fetten Qualle mutiert war, hat Christof mit einer heißen Kollegin eine Affäre angefangen. Die Scheidung wird eingereicht, Christof heiratet die vollbusige Blondine einen Monat später, die mein Sohn viel netter als mich findet.
So bleibt mir nur die Katze, die mir ständig auf den Bettvorleger pinkelt und ich blicke zurück auf einen Traum von der heilen Familie, als ich noch schwanger war, während ich mir die zweite Pizza reinziehe.

Ach ja, mein Sohn ist natürlich kleinkriminell geworden, weil ich immer so genervt war und er sich nie von mir beachtet fühlte.

Werde ich den Säugling richtig pflegen? Geduld haben? Werde ich meinem Kind immer das Gefühl geben können, dass es sich auf mich verlassen kann? Was ist, wenn es mir mal schlecht geht und ich es nicht versorgen kann?
Wird er sein Leben auf die Reihe kriegen und wenn nicht, war dann meine Erziehung daran schuld?
Alles Fragen, die mich beschäftigten, als mir das Baby noch in die Rippen trat und noch nicht wusste, was auf ihn zukommen würde.
Und keiner konnte sie mir beantworten. Vielleicht war das auch gut so.
Wenn man seine Zukunft bereits wüsste, würde man sich wahrscheinlich den meisten Herausforderungen gar nicht mehr stellen, denn viele stehen vor einem wie ein riesiger Berg voller unüberwindbarer Wege, die jegliche Spannung und Freude nehmen können.
Wir würden dort stehen bleiben und warten, denn es wäre sowieso alles klar und eh viel zu nervenaufreibend. Oder glauben Sie, dass John F. Kennedy sich als Präsident hätte aufstellen lassen, wenn er gewusst hätte, was auf ihn zukommt? Wohl kaum.

Am Anfang des Berges sieht alles so hoch, schwer und anstrengend aus. Doch man muss ihn nicht an einem Tag bezwingen und hat man erstmal den ersten Schritt gemacht, sieht man, dass am Wegrand Blumen wachsen und die Aussicht herrlich ist.

Als ich den Raum betrat, erschlug mich eine Wolke Duftöl. Es war warm, die Wände niedrig, die kleinen Fenster ließen noch ein wenig Abendsonne hinein.
Jede Schwangere hatte eine Matte mit Kissen für sich und einen großen Gymnastikball dazu. Das Zimmer war erfüllt von meditativer Musik und auf den Fenstersimsen standen kleine Duftlämpchen, Salzkristalle und andere winzige Dinge.

Ich war misstrauisch. Alles war hier so esoterisch und alternativ. Zwei Faktoren, über die ich mich schon immer gerne lustig gemacht hatte, schließlich kam ich aus einer Familie, in der man Aspirin und Benuron wie Bonbons isst, wenn einem mal die linke Wimper vom rechten Auge wehtat.
Leute, die mit irgendeinem heilsamen Öl oder einem wundersamen Stein auf mich zukamen,
waren mir immer willkommen. Lachen war ja bekanntlich die beste Medizin und darüber konnte ich tagelang lachen.
Zugegeben: Ziemlich arrogant. Aber wenn ich Migräne habe, erschlage ich die Leute lieber mit einem Stein, als ihn auf die Stirn zu legen.

Na ja. Ich suchte mir meinen Platz und tat das was ich immer mache, wenn ich in einem fremden Raum mit fremdem Menschen bin, mache: Mund halten und still beobachten.

Eine Frau sprach mich an. Ich merkte sofort, dass sie das krasse Gegenteil von mir war. Super aufgeschlossen, kontaktfreudig und gesprächig. „Was willst du denn schon hier?“, fragte sie und zeigte auf meinen Bauch. Sie schätzte mich auf den 5. Monat. Ich war Ende siebter. Es stellte sich heraus, dass Karina und ich denselben Geburtstermin hatten.

Bald hatte jede ihren Platz gefunden. Fünf Frauen verschiedenen Alters. Ich war die jüngste, zwischen der ältesten Frau und mir lagen genau 20 Jahre.
Die Hebamme trat ein. Ein sonniges, ruhiges Gemüt, das einen zwischendrin durch ihr lautes und helles Lachen aus der duftenden, mit Harfenklängen durchsetzten Welt wieder zurück in die Realität holte.
Sie war klein und schon leicht ergraut, hatte einen 20-jährigen und einen 4-jährigen Sohn und man merkte, dass sie ihren Beruf nur noch zum Spaß ausführte. Wir redeten die meiste Zeit, erfuhren aber nicht wirklich etwas über die Geburt und das Leben danach.
Ihre Spezialitäten waren Hausgeburten, manchmal sogar bei sich zu hause und sie versuchte, jeden davon zu überzeugen.
Und zwischendrin pling-pling und Rosenduft.

Ich fühlte mich wohl. Frauen um mich herum, die dasselbe vor sich hatten wie ich, dieselben Fragen und Ängste und das tat gut. Manche mit, manche ohne Mann, manche mit einem, von dem man sich fragte: “Wieso denn der?“, manche mit drittem zweitem oder ersten Kind.

Und jede mit eigener Geschichte. Die Älteste erwartete das zweite Kind vom zweiten Mann, der sie auch wieder sitzen ließ, bevor das Kind überhaupt auf die Welt kam. Sie schien stark zu sein und mit ihrer traurigen Lage klar zu kommen. Vielleicht, weil sie es mit dem ersten schon durchgemacht hatte, vielleicht weil ihr einfach nichts anderes übrig blieb. Sie klagte ständig über ihre Hämorriden und ihre Krampfadern und sprach den schlimmsten allemanischen Akzent, den ich jemals gehört hatte.

Die Nächste wurde von „ weißen Leibwächtern“ hingebracht und abgeholt. Sie saß wegen Drogenhandels und – konsum in der psychiatrischen Anstalt. Nach einem Wochenende bei ihrem Freund wurden in ihrem Urin Aufputschmittel entdeckt.
Sie kam nicht wieder.

Dann die meist Erfahrene von uns allen. Sie erwartete ihr drittes Kind. Eine Frau um die 30 mit wunderschönen roten Haaren und einer inneren Ruhe, von der ich hoffte, dass ich diese schon beim ersten Kind so aufbringen konnte. Sie brachte einen Mann mit, der sich aufführte wie ihr viertes Kind und später die Geburt als „Echt locker“ bezeichnete.

Karina. Sie war ungefähr so alt wie ich, hatte ständig etwas zu erzählen, plauderte ungeniert über ihre Feigwarzenoperation im 3. Monat und war auch sonst für jegliche Sexfragen zuständig, die man in der Schwangerschaft heimlich im Hinterkopf hatte, aber nie gewagt hätte zu fragen.

Und ich, 22, im 7. Monat. Ich kam mir vor wie ein stilles Küken mit Ei im Bauch und hoffte, nicht allzu viel sagen zu müssen. Das erledigte eigentlich auch Karina für mich.

Und weil sich Gegensätze anziehen, trafen wir uns auch außerhalb des Kurses, aßen tonnenweise Lasagne, Eis und Schokolade und machten die winzige Stadt unsicher.

Der erste Abend bestand aus einer Vorstellungsrunde und sich beschnuppern. Sowieso wurde an diesen Kursabenden viel gequatscht.
Meine ganzen Vorstellungen über Schwangerschaftskurse wurden über den Haufen geworfen. Ich dachte, wir würden Babypuppen wickeln, uns die Bäuche gegenseitig anmalen und lernen, Wehen wegatmen. Letzteres taten wir auch. Schön esoterisch, sehr zu meiner Freude.
Das Licht wurde gedämmt (noch mehr als sonst), Pling-pling-musik und eine Kerze in die Mitte des Raumes.
Nun sollten wir uns auf den Rücken legen, einen Tennisball direkt unter das Steißbein, der den Wehenschmerz darstellen sollte.

Mit einem „Aah“ und einem „Ooh“ sollte dieser Schmerz nun ignoriert werden. Nicht zu ignorieren war für mich, dass eine Frau lieber das Wort „Tut“ benutzte und mein Rücken bald eher von unterdrücktem Lachen schmerzte, als vom Tennisball.

Trotzdem nahm ich den Grund dieser Übung ernst. Ich erwartete nicht, dass ich mich bei der Geburt mal schnell locker hinlegte. Vielleicht brauchte ich ja tatsächlich das „Aah“ und „Ooh“, wer weiß.
Eins war klar: Tuten würde ich niemals.

Christof kam auch einmal mit in den Kurs. Er machte die Ballgeschichte ebenfalls mit, wie es sich für einen braven Ehemann gehört. Sein Ächzen und Stöhnen ließ mich dann den Tennisball unter meinem Hintern endgültig vergessen.
Die Hebamme tastete unsere Bäuche ab. Wir konnten die Herztöne unserer Kinder über ein Herztongerät und ein Hörrohr erkennen.
Mein Sohn war wie immer cool und „stieß“ einer Kursteilnehmerin das Hörrrohr ins Ohr.
Er lag nun also mit seinem Köpfchen in Startposition und würde sich auch nicht mehr drehen. Ich war mit meinem Bauch „die Kleinste“, obwohl er eines der größten Babys war.
In den letzten Tagen machte mein Bauch und ich noch einmal einen enormen Schub (2 Kilogramm Kirschen am Tag).
Ich fühlte mich noch kugeliger als sonst und war sehr erschöpft. Spazieren gehen fiel mir immer schwerer, ich schlief schlecht und jede alltägliche Sache forderte viel Kraft.
Um 4 Uhr morgens lag ich wach und starrte die Zimmerdecke an. Dabei spürte ich stets ein kleines Beinchen, das sanft an meiner Bauchdecke hin und her fuhr.
Ich war also nicht allein wach.

Doch je öfter ich in den Schwangerschaftskurs ging, desto mehr Bedenken kamen in mir hoch. Auf schonungslosen Bildern wurde die Geburt verdeutlicht. Jeder Riss, jede Dehnung, jede Verrenkung des Beckens, das sich auf unnatürliche Weise (oder wahrscheinlich auf die natürlichste Weise) auf das Baby vorbereitete. Und dann würde das Kind mit verbeultem Köpfchen das Licht der Welt erblicken. Aber das geht weg, das ist ja alles so natürlich!
Ich hatte die Geburt immer als Herausforderung gesehen. Ein neues Leben, in Liebe gezeugt, bla, bla, bla!

Die Realität sah anders aus: Wochenbettdepressionen, Dammriss, innere Blutungen, vielleicht auch Kaiserschnitt. Mir sträubten sich die Nackenhaare, nach jedem Donnerstag war ich vollkommen desillusioniert.
Ich versuchte trotzdem, an meiner Ansicht festzuhalten. Eine Geburt war ein Wunder und der Verlauf nicht vorauszusehen. Vielleicht 3 Stunden, vielleicht 30. Also, wieso jetzt schon verrückt machen lassen.
Ich, die Meisterin des Verdrängens. Na ja, da gibt`s bestimmt ein Öl dafür.
Und mir wurden in dieser Zeit enorm viele Öle von meiner Hebamme empfohlen. Öle gegen frühzeitige Wehen, Öle gegen Risse aller Art (da schreibe ich jetzt aber lieber nicht auf, wie man die teilweise anwendet), gegen Schwangerschaftsstreifen und dazu noch ein deliziöser Tee, der mit Hilfe meines Sternzeichens zusammengestellt wird.
Ich habe Tränen gelacht.
Doch auch wenn sich das nicht so anhört: Irgendwie konnte ich meine Hebamme gut leiden. Sie wurde von vielen empfohlen und abgesehen von ihrer Verrücktheit konnte man sich auf sie verlassen. Ich konnte immer anrufen, wenn ich Fragen hatte, nur bei der Geburt wollte sie nicht dabei sein. Sie ging in kein Krankenhaus.
Das konnte ich verkraften. Ich wollte Ärzte und Geräte um mich herum haben, falls irgendetwas mit dem Baby nicht stimmen sollte. Denn dann würde kein „Tuuut“ und kein Öl helfen.
Und Christof als Krankenpfleger hätte mir den Vogel gezeigt, wenn ich eine Hausgeburt gewünscht hätte.
Nicht beim ersten Kind.

Und vielleicht gerade weil meine Hebamme und ich so verschiedene Ansichten über das Leben hatten, konnte man diese Begegnung auch als Bereicherung betrachten, schließlich hatte sie bewirkt, dass ich ihr ganzes Zeug auch mal ausprobierte, bis auf den Sternzeichentee. Das ging zu weit.

Ich war vollkommen erschöpft. Seit 2 Wochen hatte ich ständig Wehen. Sie wirkten sich zwar nicht auf den Muttermund aus, waren aber schmerzhaft und anstrengend. Angeblich dienten sie als Übung und waren normal und auch der kleine Mann im meinem Bauch war davon nicht betroffen. Das war natürlich gut so, doch so langsam drückten diese Schmerzen aufs Gemüt. Ich wollte nicht eine Minute allein sein, klebte jede Nacht an Christofs Seite und konnte die Zeit, in der er auf der Arbeit war, vor Sehnsucht kaum sinnvoll nutzen.
Bis dort hin konnte ich noch in die Stadt gehen oder an unserer Einrichtung basteln. Nun konnte ich das nicht mehr. Je länger ich lief oder stand, desto schlimmer wurden die Wehen.
Also lag ich viel, aß, schaute fern, schrieb und schlief. Und dabei kam ich mir vor wie eine dicke, faule Frau, die nichts anderes kann außer essen und schlafen.
Die Temperatur sollte nun wieder auf 30°C steigen und mir blieb nichts anderes übrig, als dieses herrliche Wetter von innen zu bewundern.

Trotz allem war ich immer noch gerne schwanger, doch ich wusste, wenn diese Freude nicht überwiegen würde, ich würde noch mehr jammern. Ich hoffte dennoch, dass die Schmerzen nicht die restliche Zeit andauern würden.
Christof bekam zwar einiges mit, konnte sich aber kaum in mich hineinversetzen. Wie auch. Er hatte noch nie innerhalb von 9 Monaten 13 Kilogramm zugenommen. Ich wog nun stolze 70 Kilo auf meine 1, 68m. Er war es nicht, der nie um die Curry- Wurst- Bude herum kam oder bei Zeichentrickfilmen heulen musste
Vieles, das mir durch den Kopf ging, erzählte ich auch gar nicht, weil ich bemerkte, dass man oft als quengelige Frau mit Schwangerschaftshormonen abgetan wurde, ohne ernst genommen zu werden.
Die Leute wollten sich eher über den Bauch amüsieren und einem erzählen, wie schrecklich alles nach der Geburt werden wird. Es half mir nicht viel, mir neben den Wehen auch noch anhören zu dürfen, dass ich echt dick geworden war und bald kaum noch eine Nacht durchschlafen würde.
„Du siehst aus wie ein Bernadiner mit Fass!“ war die netteste Bezeichnung. Da brauchte man keine Schwangerschaftshormone, um sich scheisse zu fühlen.

Nachdem ich mir die Augen ausgeheult hatte, ölte ich mein Bernadinerfass ein und fühlte mich gleich wohler, als sich mir der Rücken meines Sohnes entgegen wölbte .Er war gleich nicht mehr so zappelig in meinem Bauch und so wie es aussah würde ich nächstes Jahr um diese Zeit zwei Rücken massieren, weil er das anscheinend genauso liebte wie sein Vater.
Ich freute mich drauf. Unser Kontakt hatte mir wieder neue Kraft gegeben, denn ich erkannte, dass ich vor lauter Wehen gar nicht mehr an unsere gemeinsamen Momente gedacht hatte.
Schande über mich!

Der August war voll von Gästen, fast jede Woche stand ein anderes Auto vor der Tür und die, denen wir absagen mussten, reagierten beleidigt.

Und dann kam er. Der seltenste Gast neben dem Papst: Mein Vater, im Schlepptau mein 10-jähriger Bruder. Ich war aufgeregt. Die Bude blitzte, ich versuchte mich irgendwie in die besten Klamotten zu zwängen. Nach 3 Jahren blieb er also für ganze 4 Tage.
Christof war das wegen mir nicht geheuer. Er wusste, dass ich meist sehr eifersüchtig darauf reagierte, wenn sie die meiste Zeit über ihren gemeinsamen Beruf oder das gemeinsame Hobby bergsteigen/ Fahrrad fahren redeten. Ich konnte da nicht mitreden. Mein Vater schien sich nie für meinen Beruf zu interessieren.
Einmal waren wir chinesisch essen und als ich nach 45 Minuten nicht zu Wort kam und sagte: „Da hätte ich ja auch zu hause bleiben können.“ meinte mein Vater bloß: “Über was sollen wir uns denn unterhalten? Über Barbiepuppen?“
Das war ich also für ihn.
Eine Barbie-spielende Tussie, uninteressant wie eine Dokumentation über Wildschweine im Winter am Trog. Ich hätte heulen können vor Wut. Ich aß mein Huhn süß-sauer und fragte mich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn ich als Junge zur Welt gekommen wäre, mein Fahrrad und die Doktorausbildung gleich mit unterm Arm.
Ist schon ein Mist, wenn man mit 2 Männern nichts sagend in romantischer Atmosphäre die unterdrückten Tränen mit Pflaumenwein runterspült. Ich war aber auch nah am Wasser gebaut!
So viel zu meinem Vater ,lieber Dr. Freud.

Doch so langsam begriff ich, dass die Anerkennungsheischerei und das Warten auf Kontakt mich vom wesentlichen ablenkten, nämlich mein Leben selbst in den Griff zu kriegen.
Und mal ehrlich: Mit einem 22-jährigen Scheidungskind hat doch keiner mehr Mitleid.
Und so entdeckte ich, dass ich viel glücklicher lebte, wenn ich nach demselben Prinzip arbeitete.
Wenn mein Dad dann mal anrief und nur über das Wetter redete, ließ ich das Unaussprechliche unausgesprochen und merkte, wie dankbar er dafür war.
„Ich will kein ordinärer Opa sein. Von mir lernt er Skifahren.“ Ich sah meinen heulenden Sohn auf dem Gipfel eines Berges, erschöpft und müde und mein alter Herr fährt die dritte tosende Runde mit psychologisch wertvollen Sprüchen: “Los, runterheizen. Dein Onkel hat das schon mit 2 Jahren gekonnt!“ Und mein Sohn würde nie wieder Ski fahren .So wie ich mit meinem Vater nie wieder Schlitten fahren werde, nachdem ich mit 4 Jahren von ihm mit einem alten Holzschlitten den Teufelsberg in Berlin runtergejagt wurde und mit verrenkten Rücken schreiend unten ankam. Und der Fluch beginnt…

Wir saßen gemeinsam im Wintergarten, der Sommerabend war warm und angenehm so wie man es sich vorstellte. Mein Bruder saß vor dem Fernseher und ließ sich nicht stören.
Mein Vater hatte bereits ein paar Bierchen gekippt und war in Erzählstimmung. „Als Mina auf die Welt kam, war ich so glücklich, dass ich mein Motorrad verschenkte. Ich war ja jetzt Papa.“ Er war schon vorher Papa, aber das ließ er öfter aus. Andere Frau, andere Ehe, andere Zeit.
Und ich saß da, rund wie eine Bowlingkugel, die Arme bequem auf dieser verschränkt und hörte mir alles an. Ich liebte meinen Dad und war einfach mal froh, dass er da war und sich interessierte. Ein guter Anfang.

„Fällt das Baby nicht raus, wenn du läufst?“
Da ham was .Wie sollte man denn das jetzt erklären. „Nein, das ist im Bauch fest verschlossen. Es liegt in einer Fruchtblase und…“ Ich hoffte, das reicht irgendwie.
„Wenn du jetzt Lust hättest, das Baby rauszuholen, könntest du das dann?“ Mein Bruder fragte mir mit einem leichten Lispeln Löcher in den riesigen Bauch. Zum Glück fragt er nicht, wie es da hinein gekommen war und mit 10 Jahren hatte das hoffentlich schon jemand vor mir gemacht. „Gell, ohne den Christof hättest du das nicht geschafft.“
„Na, das ist wohl klar. Du weißt doch, dass man zum Kinder zeugen zwei braucht, oder?“

„Ja ja, die Spermien vom Mann…“Und so bekam ich noch mal eine schnelle und ganz neue Art der Kinderzeugung zu hören.
Früher passte ich 3 Mal die Woche auf meinen Bruder auf, holte ihn vom Kindergarten ab, ging mit ihm ins Kino oder ins Theater. Es war herrlich. Die neusten Spiele aus meiner Ausbildung zur Erzieherin spielte ich mit ihm und schrieb sogar heimlich eine Arbeit über ihn, als ich eigentlich eine Beobachtung eines Kindergartenkindes schreiben sollte (Sorry, ich habe gelogen, Frau Kercher, aber ich habe ja sowieso nur eine 3 von Ihnen gekriegt!).
Unser Altersunterschied von 14 Jahren machte uns eher zu Freunden und mich zu einem Bezugspartner als zu einer nervigen, großen Schwester. Wenn ich traurig war, meinte er, ich solle doch Christof anrufen und als meine geliebte Ratte starb, sagte er, sie würde im Himmel von den Dinos gefressen werden. Frauen hatten größere Busen als Männer wegen den Herzen.
Und mein Herz schlug wie ein Fisch, aber ich musste mir nie darüber Sorgen machen, denn das ist bei großen Schwestern so.
Die Welt war zwischen uns in Ordnung.

Nach 4 Tagen voller Stadtbummel, Steinwasen Tierpark und Schnitzel grillen fuhren sie wieder ab. Ich hatte Zeit mit meinem Vater und meinem Bruder verbracht und es war schön, sie wieder besser kennen gelernt zu haben.

Countdown. Der letzte Monat. Die Zeit schien still zu stehen. Jeden Tag Wehen, aber anständig im 5-Minuten Takt, im 3-Minuten Abstand und wenn ich dann gerade Christof anrufen oder meine Sachen packen wollte, hörte alles wieder auf. Es raubte mir die letzte Kraft.
Ich stieg Treppen rauf und runter, räumte den Keller auf und tat alles dafür, etwas in die Wege zu leiten. Vergeblich.

Christof und ich blieben brav zu hause, für weitere Ausflüge wurde es langsam zu gefährlich. Mein Mann war bald kaum mehr vor mir sicher, weil ich gehört hatte, dass Spermien die Wehentätigkeit fördern würden.
So langsam nervten mich die ganzen Besuche, für diesen Tag hatten sich schon wieder meine verrückten Großeltern angekündigt. Dann musste ich zwanghaft gerade sitzen, weil ich dachte, dass macht man so, die nette Hausfrau spielen, alle bedienen und dabei lächeln und am Ende die ganze Sauerei wegmachen. Christof tat so einiges im Haushalt, aber in den letzten Wochen wollte ich nur noch ihn um mich herum haben.

Mein Rücken schmerzte fürchterlich und ich kam mir sowieso vor wie eine kleine dicke Presswurst. Die Tritte vom kleinen Knirps waren so heftig, dass mir manchmal das Brot aus den Händen fiel oder ich mit Cafe bespritzt wurde, wenn ich die Tasse auf meinem Bauch abstellte. Das Baby hatte eben auch kaum noch Platz.
Dann komm doch raus, mein Schatz…
Es begann wieder die Zeit, in der ich allein im Raum ohne Musik oder Fernsehen an die Wand oder aus dem Fenster starrte und all meine mentalen Kräfte sammelte, von denen ich hoffte, dass sie mir bei der Geburt behilflich sein würden. Ich hatte (noch) keine Angst, aber ich fragte mich wie weit die Wehen noch gehen sollten.

Es wurde immer herbstlicher. Die Blätter fielen, es wurde früher dunkel und es war kälter als sonst.
Ich fragte mich, wann er endlich auf die Welt kam. Jeden Tag räumte ich auf, hielt alles sauber und wartete.
Auf einmal hatte alles nach Geburt ausgesehen. Wehen im 4 Minuten-Abstand, Übelkeit. Und dann wieder Ruhe. Es war Freitag, der 13. Wäre doch witzig gewesen, wenn er dann das Licht der Welt erblickt hätte, aber er ließ mich noch warten.

Er war ein großes und schweres Baby. Wahrscheinlich würde er um die 4 Kilogramm wiegen. Ich arme Mama. Ich las viel über Babypflege und Stillen und hoffte, dass irgendwie alles glatt lief, aber nichts in diesen schlauen Büchern gab mir eine Garantie für etwas. Auf dem Ultraschall hatte man gesehen, dass auch mit seiner Nabelschnur jetzt nichts mehr passieren konnte (um den Hals wickeln oder ähnliches).Er lag mit dem Kopf in meinem Becken und verlor bereits Käseschmiere.
Die Tatsache, dass bald ein kleiner Mensch aus mir herauskommen würde, wurde immer deutlicher und löste in mir eine Mischung aus Angst und Vorfreude aus. Er war so groß! Und ich würde für ihn verantwortlich sein, eine sehr lange Zeit in meinem und seinem Leben. Was ich wohl alles falsch machen werde…Na, ich werde ja wohl auch ein paar Dinge richtig machen!
Ich war jedenfalls sehr glücklich, dass ausgerechnet er derjenige war, der mich so kugelig aussehen ließ und freute mich auf ihn, den Riesen!
Also, das hatte er schon mal nicht von mir.

Draußen stürmte es, aber es war warm. Ein wilder Tag, perfekt für eine Geburt, aber da war ich wohl die Einzige, die das dachte. Ich war genervt. So langsam fühlte ich mich durch die ständigen Wehen von der Natur leicht verarscht. Ein Riesenbaby im Bauch und ab dem 7.Monat Wehen. Da könnte der da oben doch sagen: “Erlassen wir ihr ein paar Tage.“ Aber es sah nicht so aus.
Je näher der Geburtstermin kam, freute ich mich natürlich, aber die Angst ging auch mit. Ich hatte Angst vor den Schmerzen, davor, dass es dem Baby nicht gut gehen würde, Kindstod, und ich fragte mich, ob ich das alles schaffe. Ich war so klein und das Baby so groß. Die Kleinste in der Familie bekam das größte Kind. Da stimmte doch was nicht.
Man hat im Leben so viele Prüfungen und Herausforderungen zu bestehen. Eine Geburt gehört wohl zu den unberechenbarsten und außergewöhnlichsten. Wenn man doch wenigstens einen festen Termin bekommen würde.

Ich schaffte das nicht mehr. Gingen Senkwehen so lange? Ich hatte keine Ahnung, aber ich hoffte nicht, dass das bis zum Ende so weiterging, sonst hatte ich keine Power mehr.
Seit neustem kriegte ich jeden Abend die Krise und heulte Christof die Ohren voll. Er tröstete mich dann liebevoll, wobei ich mich auch ein wenig schämte, weil mich die kleinste Kleinigkeit umstieß. Ich weinte, weil wir nach der Geburt 8 Wochen auf Sex verzichten sollten. Als ob es nichts Wichtigeres gegeben hätte.
Christof und ich gingen nach langer Zeit mal wieder ins Kino und es würde wahrscheinlich lange dauern, bis wir das nächste Mal wieder weg gehen können. Trotz starker Wehen schaute ich mir Mel Gibson und seine Außerirdischen ohne zu jammern an.

Dementsprechend platt war ich am nächsten Tag. Wenn ich in den Spiegel schaute, sah ich eine immer müde, ungeschminkte und unfrisierte Frau mit riesigem Bauch. Ich lief wie eine Ente, trug seit Wochen nur Joggingkleidung, weil ich nirgendwo anders mehr hineinpasste. Früher trug ich nie Joggingklamotten, es sei denn ich war krank. Ich kam mir vor wie eine kleine dicke Hausfrau, fehlten nur noch die Lockenwickler.
Es lohnte sich auch gar nicht, sich schick zu machen. Perfekt geschminkt im Trainingsanzug. Wow! Zum Anbeißen!
Lieber Gott, lass die Fruchtblase platzen!

Und so zogen sich die Tage lang wie Kaugummi. Bald würden wir zu dritt sein. Und trotzdem war dieser Gedanke so unwirklich.
Wir stellten uns unsere Zukunft vor: Das neugeborene Baby, die Zeit mit ihm, im Kindergarten, Schule, Hochzeit…
Dabei konnte man sich rein gar nichts raussuchen. Vielleicht wird er ja gar nicht heiraten und wird schwul, vielleicht verlässt er in der 8. Klasse die Schule und wird Punk oder gar Sänger bei „ Deutschland sucht den Superstar“, die 200. Staffel? Was war da schlimmer?
Aber wir waren zuversichtlich. Wir waren schon immer ein gutes Team und würden uns auch zu dritt zusammenraufen.
Meistens schauten wir uns die Erziehungsmethoden von Verwandten und Bekannten an und filterten das Beste für uns heraus. Sollten wir tatsächlich „Willst du tot sein?“ brüllen, wenn unser Kind zu dicht an einen Bach tritt oder es doch lieber nur an die Hand nehmen? Und wenn mein Kind dann eine Chipstüte im Sandkasten verteilt und alle genüsslich isst, ist das dann Sinneserfahrung oder Sauerei?
Für uns war alles klar, wir hatten für alles eine neunmalkluge Antwort. Das sollte sich im Laufe der Zeit schwer ändern.

Auf einem Stuhl sitzen, sich unterhalten, Spaziergänge machen, alles war Stress. Mein Bauch war riesig, mein Gesicht rosig und rund. Ich kam mir unförmig vor, aber nicht zu dick. Das sollte sich allerdings ändern, als mein Sohn drei Monate alt war und ich von Freunden ein älteres Photo zugeschickt bekam, das mich am Baggersee wie ein gestrandeter Pottwal zeigte. Was war ich doch mutig, so in die Öffentlichkeit zu gehen. Das Photo landete auf wundersame Weise im Müll.
Während mich Christof von den Ängsten der Geburt abzulenken versuchte, sagte ich mir selbst, dass dieses Ereignis ja nur ein kurzer Zeitraum in meinem Leben darstellte.18 Stunden, 2 Stunden. Drum herum kommt man eh nicht und es kommt ja auch was dabei raus!

Stichtag. Der Vollmond hatte gar nichts gebracht, außer das ich mich erstaunlich fit fühlte. Ich saß hier also immer noch mit fetter Plautze und weil ich keine Lust hatte, mich vollkommen zu isolieren, luden wir Christofs Bruder mit Familie ein. Wir hatten schon so oft abgesagt, weil wir dachten, es ginge los, aber jetzt reichte mir. Verarschen konnte ich mich- wie man sah- selber. Jetzt wurde noch etwas unternommen!

Aber vorher noch zum Frauenarzt.
Die Ärztin schaute mit kritischem Blick auf den Ultraschallmonitor, eine Situation, die mich von einem Moment zum nächsten aus meiner heilen Schwangerenwelt riss.

„Das Köpfchen hat sich noch immer nicht in Richtung Becken bewegt. Eine natürliche Geburt wird wohl kaum für sie in Frage kommen. Der Kopf ist zu groß für ihr Becken, ungefähr 37 Zentimeter. Ich meine, sie können es versuchen, aber empfehlen würde ich es nicht.“
Mir war, als würde mir das Gesicht stehen bleiben. Ein Kaiserschnitt.
Dabei sah ich mich doch die ganze Geburt in der Badewanne pressen und schreien.
Jetzt sollte ich also in einem Oma-Nachthemd, das hinten sehr freizügig geschnitten war halbgelähmt aufgeschnitten werden.
Christof erklärte mir in Krankenpflegermanier, was dann alles mit mir gemacht werden würde und was soll ich sagen. The queen was not amused.
Wir holten noch einen zweiten ärztlichen Rat aus dem Krankenhaus, in dem ich entbinden würde und auch sie gab mir nur eine 30 %ige Chance auf eine normale Entbindung. Ich machte also einen lieblosen Termin aus, ganz nach dem Motto: Wann hätten sie denn in den nächsten Tagen mal Zeit, ihr Kind auf die Welt zu bringen? Vielleicht können wir danach noch einen Kaffee trinken gehen? So kam ich mir vor.

In 5 Tagen war ich dran. Und so fühlte ich mich auch. Ich hatte Angst. Der Alltag lenkte mich gut ab, doch jeden Abend kamen mir die Tränen.4 Monate Wehen, die nichts gebracht hatten. Ist das fair? Die Ärztin meinte, ich würde hoffnungslos übertragen und dann wäre das Köpfchen noch größer.
Ich versuchte mir alles so gut es ging positiv zu reden. Zum Glück hatten die Ärzte es vorher herausgefunden, vielleicht wäre während der Geburt etwas mit dem Baby passiert und alles hätte nach X-Stunden Wehen doch noch zum Kaiserschnitt geführt. Es war schon gut so.
Trotzdem fühlte ich mich seltsam. Ich hatte einen richtigen Termin, so wie ich es mir klamm heimlich die meiste Zeit gewünscht hatte, um die Ungewissheit los zu werden. Und jetzt war es mir wieder nicht recht.
Ich hatte auch so manchen Kritiker am Hals. Fragen wie: Wirst du dich denn überhaupt als richtige Frau fühlen, wenn du dein Kind per Kaiserschnitt gebärst? Was für ein Quatsch. Mein Kind wird wenigstens nicht aussehen wie einer von den Coneheads aus dem Weltall und in solchen heiklen Situationen mache ich nicht auf alternativ und egoistisch. Mein Kind soll gesund zur Welt kommen und wenn es mit seinem Riesenschädel im Geburtskanal stecken bleibt, nur weil ich Frau sein will, hat wohl keiner was davon.
Und so verbrachte ich die restlichen Tage mit den Vorbereitungen in der Wohnung, Gesprächen mit Christof und Krokodilstränen, die mir vor Angst über die Wangen liefen.
Durch seinen Beruf war er auch irgendwie keine große Hilfe. Er erklärte mir die Geburt genauso nüchtern wie es später der Anästhesist tat, aber wenigstens endete Christof immer mit dem Satz: „Aber das wird schon nicht passieren.“

Und dann ging alles ganz schnell.

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