it's 4 families

Fortsetzungs-Roman > Teil 7

Christof riet mir, bei Hormonanfällen auf meine Hand zu schauen und mir vorzustellen, dass dort folgender Satz steht: Es sind nur Hormone.
Und es half mir. Bei solch überschwänglichen Gefühlen wurde es langsam schwierig, das wichtige vom unwichtigen zu trennen. Schnell kamen mir Gewissensbisse. Ich fragte mich, warum ich schon wieder traurig war, obwohl ich doch glücklich sein sollte.

Die Zeit flog an mir vorbei. Nächtliche Snacks meines Sohnes, vollkommene Übermüdung, Schreiattacken. Alles wurde langsam gut eingespielte Routine.
Aaron entwickelte sich von einem Säugling, der kaum seinen Kopf heben konnte, in einen Wonneproppen, der mit 8 Wochen bereits 6 Kilogramm wog.
Er war ein guter Esser. Nur leider vertrug er die Milch nicht. Jeden Abend, pünktlich um 18 Uhr begann er zu weinen. Und das war kein zartes Jammern, das war 4 Stunden lang ohrenbetäubendes Geschrei ohne Pause.

Manchmal, wenn er endlich schlief, hallten seine Schreie in meinen Ohren und ich kam mir vor wie eine Comicfigur, die einen Amboss auf den Kopf bekommen hatte. Viele kleine Aarons umkreisten mich und schrieen mir ins Ohr. Es musste mit ihm irgendetwas nicht stimmen.

Christof trug ihn durch die ganze Wohnung, ich wiegte in hin und her, sang ihm etwas vor oder massierte ihm das Bäuchlein. Nichts half.
Irgendwann saß ich nur noch da und schaukelte ihn im Schaukelstuhl, während mir die Tränen über die Wangen liefen. 4 Wochen jeden Tag dieses Gebrüll und wir fanden die Ursache nicht heraus.
Jeder zweite Satz von Christof war: “Das ist doch scheisse. Wieso können die nicht von Anfang an reden.“
Und mein Kommentar war immer nur: „Ist halt so.“ Zu mehr Diskussion waren wir nicht mehr fähig. Selbst wenn wir es schafften ,dass er abends doch nicht weinte, holte er diese Zeit einfach in der Nacht nach, also ließen wir ihm seine Schreiphase.
Die Hebammen sagten, wir sollten ihn festhalten, er verarbeite so die Geburt, die Mütter und Omas sagten, wir hätten ihn zu sehr verwöhnt.
Ich war nicht wütend, ich wollte auch nie aufstehen und gehen. Ich wollte nur wissen, was ihm solche Probleme bereitete. Nach diesen endlosen Wochen fiel einem Arzt endlich auf, dass er Reflux hatte.
Ich dachte an die Abende, als ich die Ratschläge wahrnahm und ihn schreien ließ, weil ich ihn nicht zu einem Mamasöhnchen machen sollte und Mamas Ohren sowieso fast taub waren. Ich hatte ein schlechtes Gewissen.
Er bekam eine andere Nahrung, die ihn nicht immer wieder aufstoßen und spucken ließ und von einem Tag auf den anderen hatte ich ein anderes Baby.
Der Routine halber wurde abends noch ein wenig gequängelt, doch plötzlich bemerkte ich, dass Aaron seine Umwelt ganz anders wahrnahm. Es war, als hätten ihn die Schmerzen davon abgehalten, seine Umgebung neugierig zu entdecken. Nun war da kein Halten mehr.

Und wir wurden bombardiert mit guten Ratschlägen:
„Wenn er schreit, hat er immer Hunger.“
Ja, wenn man ein fettes Baby will, ist das wohl der beste Tipp.
„Mach doch zusätzliche Löcher in die Sauger, dann trinkt er schneller.“
Ich hatte mich hinreißen lassen. Aaron brauchte für einmal trinken fast eine ganze Stunde und nachts fühlte sich das an wie 3 Stunden. Also schnitt ich ein kleines Loch in den Sauger. Die Flasche war nach kürzester Zeit leer.
Die Nacht war dafür umso länger. Aaron krümmte sich vor Bauchschmerzen und schrie wie am Spieß. Christof trug ihn hin und her und massierte ihm dabei den Bauch. Er verfluchte jeden Ratschlag und beschloss, auf gar nichts mehr zu hören.
Ich saß da und weinte. Er hatte Schmerzen wegen mir. Die blöde Rabenmutter, die ihr Kind voll stopft, weil es ihr nicht schnell genug ging.

„Dem ist kalt, dem ist zu heiß. Wie lässt du den denn rumlaufen?“
„Lassen sie ihn ruhig in ihrem Bett schlafen. So ein kleines Baby kann man gar nicht verwöhnen.“
„Ihr verwöhnt ihn zu sehr.“

So langsam hatten wir es satt, nachdem wir uns die ersten Wochen fast zerrissen, um es allen recht zu machen. Von jetzt an hörten wir uns alles an, taten aber nur das, was von unseren Gefühlen her richtig war. Und das war es auch, was wir lernen mussten.
Wir wussten nie genau was Sache war, es war ein Ratespiel. Vielleicht hat er Hunger, vielleicht schwitzt er, vielleicht ist er müde.
Jeder Tag war ein erneutes Ausprobieren und eine große Freude überkam uns, je mehr wir unseren Pappenheimer kennen lernten und sein Geschrei in zufriedenes Grinsen umwandeln konnten.
Nach einer gewissen Zeit holten wir die ersten Bilder ab. Eine schwangere Mina kurz vor der Operation (die blanke Angst im Gesicht), nach der OP mit einem winzigen Aaron im Arm, totenbleich auf der Couch am ersten Tag zu hause und mit Riesentitten (Verzeihung).
Ich war froh, dass diese Zeit, wenn auch erst kurz, hinter mir lag. Und nun konnte ich selbst ein wenig entspannter an die Dinge herangehen und zusehen, was der Kleine für Fortschritte machte.

Grinsen konnte er auf Kommando. Als er 8 Wochen alt war, sagte ich zu ihm: „Aaron. Du bist jetzt in dem Alter, in dem ein Baby zu lächeln anfängt. Komm, ich stehe schließlich jede Nacht für dich auf.“ Und da lächelte er zahnlos und voller Freude, was mich jede durchzechte Nacht vergessen ließ. Und was musste ich dann wieder? Na klar:
Heulen!

Aaron begann, sich mit seinen Händchen zu beschäftigen, er brabbelte und lachte viel.
Wenn seine Neugierde von einem Gegenstand geweckt wurde, griff er mit langsamen, tapsigen Bewegungen danach und schielte mit gespitztem Mündchen auf das Objekt der Begierde.
Am meisten interessierten ihn seine Füße, doch die lagen weit entfernt am anderen Ende und immer, wenn er die Hände danach ausstreckte, machte er seine Beinchen ebenfalls lang, weshalb er sie nie zu fassen bekam. Das machte ihn oft sehr wütend und so kugelte er sich mit wildem Geschrei und bekam seine Socken nicht zu fassen.
Sein Bettchen wurde am Kopfende erhöht, so dass ihm die Milch nicht mehr hochkam und nun hatte er auch einen erholsamen Schlaf, was ihn gutgelaunt wieder aufwachen ließ.

Mich erwischte eine unnötige Sache nach der anderen:
Zwerchfellbruch, Magenschleimhautentzündung, vollkommene Übermüdung und recht dünne Nerven.
Wenn Christof von der Arbeit kam, war ich meist gestresst und ohne Schlaf. Das schlimme war, dass ich die Möglichkeiten zu schlafen kaum nutzen konnte, weil ich es nicht schaffte, mich einfach mal tagsüber hinzulegen. Ständig dachte ich, Aaron würde sowieso wieder aufwachen, die Wäsche müsste noch gemacht, der Haushalt geschmissen werden.
Ich war zu müde und gleichzeitig zu aufgekratzt, um überhaupt zu schlafen.
Früher wäre ich mit 5 Stunden Schlaf niemals durch den Tag gekommen und schon gar nicht mehrere Nächte am Stück. Während der Schwangerschaft schlief ich manchmal 13 Stunden am Stück.
Und wenn man mich gelassen hätte, wäre das auch wieder gegangen…
Jeden Abend war tote Hose. Christof und ich saßen schweigend nebeneinander vor dem Fernseher und ließen uns von Stefan Raab fiese Witze erzählen. Ich im Jogginganzug unter der Decke, er den Kopf auf den Arm gestützt. Hauptsache Ruhe.
Vor diesem Anblick hatte es mir immer gegraut.
Als ich noch schwanger war, bemitleidete ich Pärchen, die nichts mehr miteinander unternahmen und dachte, bei uns würde dieses Problem sicher nicht aufkommen.
Doch nachdem sich dieses klägliche Bild immer öfter wiederholte, wurde ich unruhig.
Wo waren wir geblieben, das wilde, sich heiß liebende Paar? Waren wir überhaupt noch da?
Jeden Abend sah er mich in weiten Klamotten, die Haare wild, von Erotik keine Spur. Und auch er machte keine Anstalten, mir Leidenschaft zu zeigen.
Wir hatten im wahrsten Sinne des Wortes keine Kraft mehr, uns auf andere Dinge als die Arbeit und das Baby zu konzentrieren.
Entweder redeten wir über den Kleinen oder gar nicht. Das musste sich ändern.
Wir durften uns als Ehepaar nicht aus den Augen verlieren.

Also wartete ich eines Abends leicht bekleidet auf dem Sofa, um ihn von der Arbeit zu empfangen. Hey, ich war wieder schlank, fast etwas zu schlank, denn meine Oberweite
schrumpfte seit dem Abstillen ohne Unterlass. Ich wirbelte meine Haare hin und her, in der Hoffnung, sie würden dadurch mehr Volumen erhalten, seit neustem fielen sie mir nämlich fast büschelweise aus. Was war ich doch für ein Wrack!
Dann kam er ins Wohnzimmer, sichtlich erstaunt, doch sofort hoch entzückt. Es war, als hätte er darauf gewartet, diesen Wink mit dem Zaunpfahl gebraucht. Und sind wir doch mal ehrlich: Die Männer brauchen das öfter mal in vielerlei Hinsicht.

Und da ich lang warten konnte, bis Christof sich mal einen heißen Tigerstring anzieht und vor mir Table dance macht, musste ich eben auf der Couch mein kleines Schwarzes präsentieren.
Das erste Mal wieder Liebe machen, ohne, dass der Bauch im Weg war oder man Bedenken haben musste, weil vielleicht Wehen kommen oder das Baby irgendwie immer dabei war.
Es war ein neues, erstes Mal.

Aaron war so lieb und schrie erst 10 Minuten später. Daran hielt er sich aber nicht immer. Manchmal dachten wir, er wolle keine Geschwister.

Und so klärte sich eine Sache nach der anderen auf.
Wir mussten lernen, dass nun alles einen anderen Weg ging, nicht schlechter, aber langsamer. Der Tag schien zwar nicht genügend Stunden zu haben, doch konnte kein Problem mal schnell auf der linken Pobacke ausgesessen werden. Und jeden Tag kam ein neues.
Als „Solokünstler“ waren wir ein eingespieltes Team. Die Herausforderung wurde erkannt und angepackt. Zum Beispiel eine neue Arbeitsstelle suchen, bewerben, vorstellen. Genaue Vorstellungen, genaue Reihenfolge.
Nun wurde unser Alltag von vielen kleinen Schwierigkeiten eingenommen, die jeden Tag aufs Neue ausgetragen werden mussten.
Schon allein Autofahren und einkaufen gehen war nicht mehr in ein paar Minuten erledigt, wie vorher. Da musste erst das Kind angezogen werden, ab in den Kindersitz. Dann sich selbst anziehen und ab ins Auto und bis das vorbereitet war, kam ich schon so ins Schwitzen, dass ich wieder hätte duschen können.
Durch Zeitschriften und Bücher wird man auf die Schwangerschaft, die Geburt und die Zeit danach gut aufgeklärt. Man weiß, dass man wickeln, füttern und pflegen muss, doch keiner sagt einem, dass man vielleicht nur für das Stillen am Tag 9 Stunden braucht, weil das Söhnchen ein Genussmensch ist und sich jede Mahlzeit auf der Zunge zergehen lässt.
Die ersten 2 Monate waren die härtesten. Es war zu vergleichen mit einer neuen Arbeitsstelle, in der man sich erst eingewöhnen musste, nur das nach 8,5 Stunden die Tür nicht zu war. Man war auf Dauerbereitschaft geschaltet.
Und noch etwas sollte man sich merken, wenn man einen Sohn groß zieht:
Beim Wickeln das nackte Pimmelchen immer mit einem Tuch bedecken, sonst könnte es sein, dass man sich ganz schnell auch noch selbst umziehen muss.

Ich ging voll in meiner Mutterrolle auf. Und ich war voller Tatendrang, auch der Haushalt lief langsam wie am Schnürchen, doch ich bemerkte, dass mal wieder etwas Action her musste.

Es wurde Zeit, den Duft der Zivilisation zu schnuppern.
Ich brauchte eine Auszeit, ich brauchte Christof, ich brauchte definitiv eine neue Frisur. Und ich brauchte unbedingt jemanden, der sich die ganzen Geschichten über vollgemachte Windeln und endloses Geschrei mit Freude anhörte, und wer war da besser geeignet als meine „Leidensgenossin“ Karina.
Ihr Sohn war nur eine Woche jünger als Aaron und schnell war ein Tag gefunden, an dem wir uns wieder auf in die Stadt machten, so wie vorher mit Kugel, jetzt mit Kinderwagen.
Endlich wieder einen Cafe in unserem Gasthaus –mit Kinderspielecke wohlgemerkt- und einfach nur ein wenig plaudern.
Karina erzählte mir von der ersten Zeit zu hause und es war klar, dass sie sich kaum von meiner unterschied. Sie erzählte mir von ihren Geldnöten und dass ihr Freund keine Arbeit mehr hatte.
„Ich habe vorhin was geklaut, im Laden.“ Langsam stellte ich meinen Cafe hin.
Kurz vorher waren wir einkaufen gegangen und nun gestand sie mir, dass sie Fleisch geklaut hatte, weil sie es nicht zahlen konnte.
Ich war geschockt. War das möglich in Deutschland? Eine junge Mutter musste ihr Essen stehlen? Karina schämte sich.
Ich bot ihr an, etwas Geld von mir zu leihen, wir kannten uns nun ein halbes Jahr, da war das kein Thema mehr und außerdem sah es auf meinem Konto ausnahmsweise mal gut aus, weil ich einen Teil meines restlichen Gehaltes und das Mutterschaftsgeld auf einmal bekommen hatte. Christof und ich würden nun endlich das Auto abbezahlen können.
Sie lehnte ab. „Nein, es war nur eine Art Kurzschlussreaktion. Ich habe mein Geld immer noch nicht bekommen, Tino kriegt keinen Job und ich hatte einfach Angst, aber es wird schon. Danke.“
Bei ihr zu hause war die Stimmung dann schon besser. Nur die Luft war dicker. Es wurde Zeit, Aaron zu wickeln. Karina bestand darauf, dass ich ihn auf ihrer neuen Wickelkommode mit Wärmelampe im anderen Zimmer wickelte, also machte ich das brav und nach einer Weile holte mich auch schon Christof ab.
Um dieses Ereignis nicht allzu sehr an die große Glocke zu hängen, flüsterte ich ihr noch zu: „Das Angebot steht noch.“ Doch sie lächelte nur und schüttelte den Kopf.

Am nächsten Tag sah ich, dass aus meinem Geldbeutel 20 Euro fehlten. Sie konnten nicht heraus gefallen sein, denn man konnte ihn mit einen Reißverschluss zu machen. Hatte Karina mich beklaut? Wollte sie deshalb, dass ich Aaron in dem anderen Zimmer wickelte?
Schon mein Verdacht machte mir ein schlechtes Gewissen. Nur weil sie mir von ihren Problemen erzählt hatte, sollte sie mir jetzt gleich das Portemonnaie ausräumen? Wohl kaum.
Ich hatte anscheinend doch mehr Geld ausgegeben, als ich es eigentlich vorgehabt hatte.

Karina und ich trafen uns öfter zum Shoppen oder zu hause. Bald stand Weihnachten vor der Tür und ich wollte ihrem Sohn etwas Nettes schenken.
Sowieso wurde es Zeit, dass Riesengedränge auf sich zu nehmen, dass kurz vor den Feiertagen in der Stadt entstand. Hektisch lief ich in Richtung Kaufhäuser und kontrollierte noch einmal meinen unsagbaren Reichtum.
Meine EC- Karte war verschwunden. „Na, toll.“ dachte ich bei mir. Umsonst war der Weg, aber wer es nicht im Kopf hat…
Frustriert lief ich nach hause. Ich fand meine Karte auf meinem Schreibtisch und obwohl ich mir nicht erklären konnte, wie sie dort hingekommen war, steckte ich sie ein.
Und los ging es. Etwas Glitzerndes für Mama und Oma, die an Weihnachten auch noch beide Geburtstag hatten, was Gleiches für meine ungleichen Schwestern, damit es keinen Streit gab,
was Männermässiges für Christofs Brüder und vollbepackt stand ich an der Kasse.
Die EC-Karte wurde nicht angenommen. Ein genervtes Stöhnen kam aus der langen Schlange hinter mir. Ich entschuldigte mich mehrere Male mit hochrotem Kopf und einem jammernden Baby im Kinderwagen, musste wohl oder übel alles zurücklassen und ging zurück nach hause.
Meine Weihnachtsstimmung lag auf dem Tiefpunkt.
Also rief ich die Bank an und fragte, was jetzt schon wieder los sei.
„Sie haben einfach kein Geld mehr auf ihrem Konto, es ist bereits um 400 Euro überzogen.“
Ich fiel fast in Ohnmacht. Vor einer Woche war ich noch stolze Besitzerin von 2500 Euro
im Plus! „Das habe ich aber nicht abgehoben!“ Und noch während ich meine Wuttränen
zurückhielt, wusste ich bereits, wer es stattdessen hatte.
Ich ließ die Karte sofort sperren und fragte, wo ich das Geld hätte abheben sollen.
Karinas Heimatort: 1000 Euro. Heimatort von Karinas Mutter: 1500 Euro.
Innerhalb von 3 Tagen.

Langsam fügte sich alles zusammen. Bei einem Einkauf kam sie mir beim Bezahlen ungewöhnlich nahe, sie schaute mir beim Eintippen der Geheimnummer auf die Finger.
Ich dachte mir nichts dabei, denn ich hatte ihr ja vertraut.
Dann war die Karte weg und ich fand sie auf dem Schreibtisch wieder, einen Tag nachdem sie mich seltsamer Weise abends mit ihrem Sohn besuchen wollte und wir doch beide wussten, dass die Kleinen jeden Abend so schrieen, dass wir uns sowieso nicht unterhalten konnten.
Sie hatte mein Weihnachtsgeschenk für das Baby angenommen, weil wir wussten, dass wir uns vor den Feiertagen nicht mehr sehen würden.
Ich hatte ihr doch noch angeboten, ihr Geld zu leihen!
Was sollte das? Glaubte sie, ich würde den Verlust von 2500 Euro nicht bemerken?
Sah ich aus wie jemand, der Geld hatte? Wäre mir neu gewesen.
Und vor allen Dingen: Sah ich aus wie ein verdammter Idiot?
Zitternd legte ich den Hörer auf. Wie sollte ich das Christof erklären, der Karina von Anfang an nicht so leiden konnte?
Er lag im Bett und schlief sich für die Nachtwache aus. Bloß nicht wecken. Klaren Kopf behalten.
Ich rief Karina an.
„Wie konntest du mir das antun?“
„Was meinst du? Hey, Mina beruhige dich!“
„Du weißt genau, was ich meine. Auf meinem Konto fehlt verdammt viel Geld und ich weiß, dass du es hast.“
Mir fiel ihr Geschwätz von dem Mutterschaftsgeld ein, das sie angeblich kurz vor Weihnachten noch bekommen hatte. Nun würde das Fest gerettet sein, ein Weihnachtsbaum für das Baby! Ja, bitte schön, gern geschehen!
Und ich hatte mich noch mit ihr gefreut.
„Ich werde dich anzeigen. Ich habe keine andere Wahl.“ Dann legte ich auf. Mein Handy wurde mit SMS bombardiert. „Wie kannst du das von mir glauben. Das war ich nicht.“
Wie sich rausstellte, hätte sie mich nicht besser anlügen können.
Auf einmal war sie nicht mehr erreichbar.
Nachdem ich bei der Polizei war, blieb mir nichts anderes übrig: Ich musste Christof wecken.
Und der flippte aus.
Wir saßen im Wohnzimmer und waren von der Welt entrückt. Das hatten wir in diesem Ausmaß noch nie erlebt. Wir würden das Geld nie wieder sehen, unser Auto würde noch eine ganze Weile der Bank gehören. Was glaubte sie eigentlich? Wir waren doch auch nur ein kleine Familie. Wir konnten uns keinen Urlaub leisten, jeden Monat war auf den Konten etwas weniger Geld und wir hatten Schulden abzubezahlen! Wir waren stinknormal.

Nachdem Christof nachgedacht hatte, fiel ihm ein Plan ein. Weil wir sie nicht mehr telefonisch erreichen konnten, schrieb er per SMS auf ihr Handy:
„Wir haben die Videoaufnahmen von den Banken, bei denen ihr das Geld abgehoben habt. Wenn ihr uns innerhalb von einer Woche das Geld zurückgebt, werden wir die Anzeige zurückziehen.“
Wir hatten gar nichts. Die Polizei tat nichts, denn wir hatten keine Beweise. Die Banken, in denen Karina war, hatten zum Teil nicht mal Videokameras.
Der größte Bluff unseres Lebens begann.

Doch wir blieben realistisch. Und es war das schlimmste Weihnachten unseres Lebens. Ich hatte nicht nur das Geld verloren, der Bank war es auch egal, ob Karina oder ich das Geld abgehoben hatte. Ich war im Minus und durfte es nicht sein, also sollte ich mein Konto so schnell wie möglich ausgleichen. Aber wie?
Ich hatte keine Ahnung.

Ständig wurde bei uns angerufen und wieder aufgelegt. Ich hatte Angst, wenn ich allein mit Aaron zu hause war. Ich wurde noch nie von einer Freundin so hintergangen und ich hatte ein schlechtes Gewissen gegenüber Christof. Hätte ich nicht sehen müssen, dass sie so falsch war?
Jetzt war es schon egal. Die Kohle war weg.
Über Weihnachten hielt uns nichts zu hause. Wir wollten Abstand, weg aus der Ecke und gingen unsere Verwandten besuchen.
Passend dazu regnete es aus Eimern und der Stress, mal wieder alle Freunde unter einen Hut zu bringen, lenkte uns nur wenig ab.
Als wir zurückkamen, machte Christof den Briefkasten auf. Ein dicker Umschlag ohne jegliche Schrift lag darin und in ihm 1800 Euro.
Wir hatten also die Richtige verdächtigt. Und wir konnten es nicht glauben! Wenigstens ein Teil davon sahen wir wieder, ich konnte mein Konto ausgleichen und noch ein wenig für das Auto bezahlen. Ich war zufrieden.

Christof war es nicht. Er wollte das ganze Geld. Ich wusste nicht, ob das so gut war, irgendwie wollte ich die ganze Sache nur hinter mir lassen.
Doch er schrieb die zweite SMS: „Ihr habt guten Willen gezeigt, jedoch fehlen noch 700 Euro. Die hätten wir auch noch gern. Ihr habt bis nach den Feiertagen Zeit.“
Unglaublich. Sie hatte innerhalb von ein paar Tagen 700 Euro ausgegeben.
Und tatsächlich kam ein paar Tage später auch noch der Rest des Geldes.

Ich sah Karina nie wieder und durfte auch nicht erfahren, was ihr durch meine Anzeige blühte, die ich gar ich gar nicht zurücknehmen konnte, weil „der Fisch“ zu groß war.

An Sylvester schrieb ich ihr noch mal auf ihr Handy. Ich wollte für das neue Jahr eine Art Erklärung und das ganze danach schnell vergessen. Sie schrieb mir zurück, meinte sie hasse sich selbst dafür und wüsste auch nicht wie das passieren konnte.
Ich hatte kein Mitleid. Ein halbes Jahr später wurde ich noch mal zur Polizei gerufen, um meine Aussage zu machen. Bis dort hin hatte ich die SMS gespeichert und konnte somit dem Polizisten ein Geständnis von Karina in die Hand drücken.
Sie war meine einzige Freundin in diesem Ort gewesen.


>> zum letzten Teil...